Das Rheingold – zwischen Mystik und Wissenschaft
Auf den Spuren der historischen Goldwäscher am Oberrhein
Werner Störk*
Gold – das Symbol der Sonne, das edle Metall aus der Schmiede der Natur, gesucht,
begehrt, umkämpft, himmelhoch gelobt, höllentief verflucht. Gold – ein Mythos, so alt wie die
Menschheit, uralt und doch so aktuell. Gold – unbefleckt glänzend und blutbeschmiert,
Symbol für Wohlstand und Armut, Traum und Alptraum. Gold – Freiheit und Fessel, Macht
und Ohnmacht! Stets leidenschaftliche Polarisation und ein wohl unlösbarer Widerspruch
für den Menschen – wie spontane Streifzüge durch die Weltgeschichte belegen:
Die Römer erbeuten in den „Gallischen Kriegen“ über 20 Tonnen Gold. Dabei sterben im 1.
Jhd. v. Chr. über 20000 Gallier1.
Die Conquistadores erobern im 17. Jahrhundert Südamerika. Im Auftrag der spanischen
Krone suchen und finden sie Gold. Die Völker der Inka, Maya und Azteken werden dabei
nahezu ausgerottet2.
Im 19. Jahrhundert erfasst der Goldrausch Nordamerika. 1848 findet man erstmals Gold in
Kalifornien. Zehntausende fallen in den fiebrigen Bann des Goldes und verlassen über
Nacht Familie, Arbeitsplatz, Heimat. Hunderttausende – davon viele aus Europa – schließen
sich an. Fünfzig Jahre später, im Jahre 1898, entdeckt man die großen Goldvorkommen an
einem Fluss, den Jack London3 mit seinen Romanen legendär machte: Den Clondike. Der
beschwerliche Weg dorthin, in den hohen Norden Kanadas, bedeutet für Hunderte den Tod.
Tausende von Familien sind davon betroffen. Der Goldrausch erfasst nun auch Alaska.
Abb. 1: Nuggets vom Bear Creek, Alaska (Bildbreite 3,5 cm)
* Projektleiter der Arbeitsgemeinschaft Minifossi der Friedrich-Ebert-Schule Schopfheim
1
In russischer Kriegsgefangenschaft sterben im 20. Jahrhundert Tausende in den Goldberg-
werken Sibiriens. Nach der Entlassung der letzten, wenigen Überlebenden geht die Arbeit in
den Goldminen aber weiter! Jetzt werden russische Bürger zur Zwangsarbeit in den
Goldminen verurteilt: Zehntausende werden Ihre Familien nicht wiedersehen.
Und ein letztes Streiflicht auf die Goldbergwerke Südafrikas vor 1994: Im goldreichsten
Land der Welt sterben in einem Jahrhundert mehrere 10000 schwarzer Arbeiter, billigend in
Kauf genommen für die Produktion von 40000 Tonnen Gold – grausame Konsequenz eines
Apartheid-Regimes4.
Wir erinnern auch an das tragische Schicksal der nordamerikanischen Indianer und der
australischen Aborigines – das ohne die Gier der Weißen nach dem Gold so kaum vorstell-
bar ist.
Selbst heute beherrschen überwiegend negative Schlagzeilen das Edelmetall: Seien es die
grauenhaften Berichte über südamerikanische Goldwäscher, welche die ansässige Urbe-
völkerung gezielt ausrotten und mit der praktizierten Quecksilberausfällung wissentlich die
gesamten Gewässersysteme der Region auf Jahrzehnte verseuchen.
Oder die Folgen neuzeitlicher montaner Goldgewinnung: Am 10. Februar 2000 bricht im
rumänischen Goldbergwerk in Baja Mare der Damm eines Rückhaltebeckes mit hoch-gifti-
gem Cyanid-Schlamm.
Cyanide sind die Salze der Cyanwasserstoffsäure, besser bekannt unter dem Begriff
Blausäure, und werden bei der Goldgewinnung als Natriumcyanid (NaCN) für das Auslau-
gen von Gold aus dem mit ihm verbundenen Begleiterz verwendet.
Mit dem Auslaufen der hochkonzentrierten Giftschlämme bricht über Rumänien, Ungarn,
Jugoslawien und Bulgarien eine Umweltkatastrophe von bislang nicht gekanntem Ausmaße
herein: Millionen von Fischleichen schwimmen die Theiß hinunter, stumme Zeugen der
schlimmsten Flusskatastrophe der neueren Geschichte5.
Weshalb – so fragt sich ein nachdenklich gewordene Betrachter – vermag dieses Metall den
Menschen so zu fesseln, so abhängig zu machen, dass er dabei alles vergisst, verliert und
zerstört, was ihn als Menschen auszeichnet: Verstand, Vernunft, Kultur, Liebe und Toleranz
Gold – was ist an diesem Element so einmalig? Und keineswegs nur aus dem Blickwinkel
mystischer Anschauung. Auch der nüchterne Wissenschaftlicher findet die chemischen und
physikalischen Eigenschaften durchaus faszinierend: So ermöglicht die hohe spezifische
Dichte des Goldes, dass die gesamte antike und neuzeitliche Goldförderung der Erde
lediglich einen Würfel mit einer Kantenlänge von nur 18 Metern füllen würde6.
2
Abb. 2: Berggold auf Quarz-Matrix, Eagle´s Nest Mine, Kalifornien
(Bildbreite 3 cm)
Und – man mag es kaum glauben: Ein Kilogramm Gold ergibt einen Würfel mit einer Seiten-
länge von nur 3,7 Zentimeter! Und selbst 20 Kilogramm Gold vergrößern diesen Würfel nur
auf die bescheidene Kantenlänge von 10 Zentimetern!
Abb. 3: Miessijoki -Waschgold mit Nuggets (Bildbreite 6 cm)
aus dem finnischen Lappland, dem letzten Zentrum
europäischer Berufgoldwäscher
3
Gold kann man auch zu hauchdünnen „Blättern“, zu Blattgold, schlagen – dies übernimmt
der sogenannte „Goldschläger“, der einen anerkannten Ausbildungsberuf ausübt. Aus
einem Gramm Gold kann so eine Folie bis zur Größe von einem Quadratmeter „geschla–
gen“ werden.
Die Goldblätter sind nach dieser Bearbeitung zwischen 1/80000 mm bis 1/140000 mm
7
„stark“ . Hält man die Folie gegen die Sonne, dann leuchtet sie im Gegenlicht plötzlich
grünlich, wird transparent und vereint so symbolisch beide Mythen.
Aus einem stecknadelkopfgroßen Goldkügelchen – einem Gramm entsprechend – kann
man problemlos einen Goldfaden von 165 Metern ziehen, der fast dreimal so dünn ist wie
ein Menschenhaar8. Mit speziellen Verfahren gelingt es heute, aus derselben Menge sogar
Golddraht bis zu 1500 Metern zu ziehen9.
Mit dem Gold wird der Mensch in den nächsten Jahren auch einen weiteren Quantensprung
in die Miniaturisierung elektronischer Schaltungen machen: Die kleinsten Schaltelemente
werden bald einzelne Atome sein – und was das Erstaunlichste daran ist: Es müssen
Goldatome sein und keine anderen! Sie haben einen Durchmesser von kaum vorstellbaren
2 Nanometern: Das sind 2 Milliardstel Meter. Damit hat man in der Natur ein molekulares
Gegenstück zu einem tausend mal größeren, künstlich hergestellten Transistor gefunden:
Diese sog. „Gold–Clusters“ werden die ersten Nano-Speicherchip-Generation der Elektro-
industrie sein. Und eine unglaublich technische Revolution – mit bis jetzt wohl kaum
vorstellbaren Auswirkungen auf allen Gebieten unseres menschlichen Daseins10.
Diese außergewöhnliche Stellung des Goldes fasziniert jedoch nicht nur den
Wissenschaftler, sondern auch den Literaten: Dazu ein paar Zeilen „Aus dem Leben eines
Vielgeliebten“ von Heinrich Hansjakob. Das Edelmetall selbst, in Form eines Goldbleches,
das im Mund des Betroffenen einen Zahn festhält, erzählt seinem Besitzer die eigene – und
damit auch die Geschichte des Goldes überhaupt. Hören wir ihm kurz zu:
„Was soll ich dann noch von den Eigenschaften des Goldes sagen, die ich auch in allen
Tonarten preisen hörte. Was sagen von seinem unbefleckten Glanze, dem nicht einmal der
Sauerstoff der Luft beikommen kann, obwohl er imstande ist, selbst den Diamanten zu
verdunkeln und zu verzehren. Was soll ich sagen von des Goldes Dehnbarkeit, die so
wunderbar groß ist, dass man mit einem Golddukaten ein Roß samt seinen Reiter
vergolden kann! Gott selbst muss das Gold lieben, sonst hätte er ihm nicht so herrliche
Gaben verliehen und zwei seiner schönsten Eigenschaften in dasselbe gelegt – die Allmacht
und die Allgegenwart. Die Allmacht habe ich Dir schon bewiesen, in dem ich Dir erzählte,
wie alles auf Erden um Gold feil ist, alle Güter und alle Genüsse der Erde, und wie alle
Menschen und ihre Kräfte und ihre Eigenschaften für Gold gewonnen werden können; wie
es aus einem Dummkopf einen geistreichen Mann und aus einem Lumpen einen
angesehenen Herrn machen kann.“ 11
Und obgleich der Mensch schon früh begann, sich auch schriftlich mit dem Phänomen Gold
auseinanderzusetzen und ganze Bibliotheken mit Werken über das Gold gefüllt wurden, gibt
es wohl kein Gold der Erde, das sich so oft in der Literatur wiederfindet wie das legendäre
Rheingold. Seine literarische Spanne umfasst alle Gattungen: Von der Epik bis zum
fachwissenschaftlichen Aufsatz, vom Abenteuerroman bis zum Gedicht.
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Wir haben in 18 Jahren Projektarbeit ein eigenes Rheingold-Archiv aufgebaut, in dem
derzeit allein über 400 deutschsprachige Einzeltitel archiviert sind. Wir, das ist die AG
Minifossi (= Abkürzung für Mineralien und Fossilien), eine Schülerarbeitsgemeinschaft der
Friedrich-Ebert-Schule (Hauptschule mit Werkrealschulzug) aus Schopfheim, die sich seit
18 Jahren auch mit der Goldsuche und dem Goldwaschen beschäftigt. So gelangen der AG
Minifossi, die im Rahmen der Begabtenförderung des Landes Baden-Württemberg arbeitet,
im Schwarzwald und den angrenzenden Regionen über 30 Goldnachweise – darunter 22
Erstbelege für das begehrte Edelmetall.
Die Schülerarbeitsgemeinschaft gliedert sich in die Fachbereiche Landeskunde sowie in
geowissenschaftliche und montanhistorische Projekte. Dazu gehören die Arbeitsbereiche
Mikroskopie, Fotografie mit Mikro- und Makrotechnik sowie der Rasterelektronen-
mikroskopie (REM), Fachliteratur und Quellenarbeit, Exkursionen, Modellbau, Kommuni-
kation und Medien sowie ein weltweit aufgebautes Kooperationsnetz mit Experten. Ein star-
kes multimediales Engagement belegen drei eigenständig entwickelte Homepages. Dazu
größte deutschsprachige Daten-bank über das Edelmetall Gold und das Goldwaschen. Als
(derzeit) weltweit größte Foto-Datenbank mit Goldstufen aus fünf Kontinenten.
Ist das Gold auch für uns primär ein wissenschaftlich klar definiertes Edelmetall mit
besonderen chemischen und physikalischen Eigenschaften, war gerade das Rheingold für
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die alten badischen Goldwäscher „a Some vo de Sunne“ , und auch Johann Peter Hebel
kommt am legendären Rheingold nicht vorbei. Als Beispiel wählen wir aus dem
„Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes“ einen Ausschnitt der bekannten Geschichte
von den „Drei Wünschen“:
„… Eines Abends aber als sie friedlich am Ofen saßen und Nüsse aufklopften, und schon
ein tiefes Loch in den Stein hineingeklopft hatten, kam durch die Kammertür ein weißes
Weiblein herein, nicht mehr als einer Elle lang, aber wunderschön von Gestalt und
Angesicht, und die ganze Stube war voll Rosenduft.
Das Licht löschte aus, aber ein Schimmer wie Morgenrot, wenn die Sonne nicht mehr fern
ist, strahlte von dem Weiblein aus, und überzog alle Wände. Über so etwas kann man nun
doch ein wenig erschrecken, so schön es aussehen mag.
Aber unser gutes Ehepaar erholte sich doch bald wieder, als das Fräulein mit wundersüßer
silberreiner Stimme sprach: „Ich bin eure Freundin, die Bergfei Anna Fritze, die im
kristallenen Schloss mitten in den Bergen wohnt, mit unsichtbarer Hand Gold in den
Rheinsand streut, und über siebenhundert dienstbare Geister gebietet. Drei Wünsche dürft
ihr tun, drei Wünsche sollen erfüllt werden ...“ 13
Wird bei Johann Peter Hebel in dieser Geschichte das Rheingold nur in einem Nebensatz
gestreift, gewinnt es in der epischen Form des berühmten Nibelungenliedes14 an
besonderen Bedeutung.
Ohne die Nibelungen gäbe es auch kein sagenhaftes Rheingold – zumindest nicht in der
Literatur. Aufstieg und Niedergang der Nibelungen hängen unmittelbar mit dem Rheingold
zusammen. Und der spannende Stoff aus „sex and crime“, menschlichem Schicksal und
tiefer Leidenschaft, fasziniert zeitlos bis zum heutigen Tag.
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Zur Erinnerung: Siegfried, der Drachentöter und der im Mittelpunkt des Liedes stehende
Held, stammte aus Xanten, die Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher herrschten
seit 413 über ein Reich mit Zentrum in Worms. Die von Siegfried umworbene Kriemhild war
die Schwester der Burgunderkönige. Aus dem westlich von Worms vermuteten Tronege
stammte Hagen von Tronje, der treue Gefolgsmann von König Gunther. In der Werbung
verspricht König Gunther Siegfried seine Schwester Kriemhild unter der Bedingung zur
Gemahlin, daß Siegfried zuvor Brünhild, die starke Königin von Island, an Gunthers Stelle
und – ohne daß sie es merkt – besiegt, damit Gunther sie ehelichen kann15 .
Dank einer Tarnkappe gelingen Siegfried Täuschung und Sieg. Dennoch erfährt Brünhild
von der Täuschung und veranlasst Hagen, Siegfried zu ermorden. Nach dem Tod des Hel-
den geht der Goldschatz der Nibelungen an die Burgunderkönige, die sich ab diesem Zeit-
punkt nun auch selbst „Nibelungen“ nennen. Den Goldschatz aber versenkt Hagen im
Rhein16.
Rache und Untergang sind in Ungarn angesiedelt, da Kriemhild inzwischen die Gemahlin
des Hunnenkönigs Etzel geworden ist. Kriemhild möchte sich an den Burgundern für den
Tod Siegfrieds und den Verlust des Goldschatzes rächen. Sie lädt deshalb ihre Brüder an
den ungarischen Hof, wo es zum Streit kommt. Im folgenden Kampf sterben alle Beteiligten,
zuletzt Gunther und Hagen, die auch im Angesicht des Todes den Nibelungenschatz nicht
herausgeben. Schließlich tötet Hildebrand die nur noch von in ihrer Rache erfüllte Kriemhild
und damit den letzten Spross der Burgunderkönige17. Dieses Gemetzel entspricht der Ver-
18
nichtung des Burgunderreiches durch die hunnischen Truppen im Jahre 436 . Wie stark
das Nibelungenlied bis in die Neuzeit hinein wirkte, lässt sich auch in der Musik Wagners
nachweisen. Der Mythos Rheingold findet sich jedoch nicht nur in der Musik, sondern als
alltäglicher Werbeträger wieder: Der Name Rheingold ziert Hotels, Buslinien, Theater,
Konzerthäusern und findet sich auch auf Weinflaschen, Parfüm-Flacons und Pralinen-
schachteln – vieles schmückt sich mit dem bis heute immer noch erstaunlich werbewirk-
samen Namen. Auch die Technik erliegt jenem unerklärlichen Flair, dem sich auch die
Namensgeber für den legendären Luxuszug nicht entziehen konnten. Sie gaben ihm den
Namen Rheingold-Express 19.
Wo liegen aber die wirklichen Wurzeln, aus denen dieser Mythos seine unglaubliche Kraft
zieht – wo trennen sich Geschichte von Geschichten, Realität von Sagen, Fakten von
Legenden?
Abb. 4: Rheingold aus dem südlichen Oberrhein (bis 3 mm)
6
Historische Schriften 20 belegen, dass schon die Kelten vor 2000 Jahren an den Ufern des
Rheines das Gold wuschen. Die Römer waren – was Urkunden bezeugen – ebenfalls aktiv.
Und bei den Alemannen bestätigen spektralanalytische Untersuchungen goldener
Grabbeigaben eine auffallende chemische Affinität zum Rheingold.
Die Goldwäscherei am Hoch- und Oberrhein wurde – was historische Quellen eindeutig
belegen – durch das ganze Mittelalter hindurch betrieben. Zu jener Zeit nannte man die
einzelnen Rheingold-Flitterchen des Waschgoldes prosaisch „güldene Flügelein“ 21.
Bis ins 19. Jahrhundert hielt sich die mehrheitlich nur als Nebenerwerb ausgeübte
Goldwäscherei von überwiegend bedürftigen Fischern, Bauern und Handwerkern. Vor allem
in den Winter-monaten und nach den zum Teil verheerenden Frühjahrs- und Herbst-
überschwemmungen wuschen sie das Edelmetall in den sogenannten „Goldgründen“ oder
„Goldgrienen“, den goldhöffigen Sedimenten des Rheinufers und der Inseln. Die wenigen
hauptberuflichen Goldwäscher lassen sich noch bis 1874 nachweisen.
Am badischen Oberrhein waren im 17. und 18. Jahrhundert lediglich 20 Gramm die durch-
schnittliche Jahresausbeute einer dreiköpfigen Goldermannschaft. Die offiziellen Golder-
träge von 1748 bis 1874 werden mit insgesamt 366 Kilogramm Gold veranschlagt. In den
Jahren 1830 – 39 wurden pro Jahr rund 8 Kilogramm gewaschen22.
Auf Grund eines beständigen Schwarzmarktes sind diese Zahlen jedoch unvollständig.
Denn mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt die gewaschene Menge an Rheingold über einer
Tonne. Der Schwarzmarkt entstand durch die staatlich angeordnete Zwangsabgabe des
gewaschenen Goldes und einem bewusst niedrig angesetzten staatlichen Goldpreis. So
fanden die Goldwäscher in fahrenden Händlern oder heimischen Goldschmieden besser
zahlende Abnehmer.
Abb. 5: Ein sehr seltener Anblick: 20 Gramm Rheingold
vom mittleren Oberrhein „auf einem Haufen“ –
das sind über 4000000 einzelne Goldflitterchen!
7
Bereits 1846 gab es Missernten. Die Versorgungslage der Bevölkerung in Deutschland ver-
schlechterte sich zusehends. Besonders nach der gescheiterten Revolution von 1848 war
der Hunger in vielen badischen Haushalten keine unbekannte Erfahrung. Persönlich
schwierige Situationen, Arbeitslosigkeit und auch der zunehmende politische Druck einer
restaurativen Politik verstärkten die Entscheidung für eine – von den Behörden zu ge-
nehmigende – Auswanderung.
Oft war es aber nicht nur die amtlich gewünschte und durchgesetzte „Abschiebung“, um
politisch unliebsame Bürger loszuwerden. Aus der Sicht der Obrigkeit war das staatlich
gesponserte Schiffsticket über den großen Teich auch bei der Abschiebung sozial
schwacher Bürger eine lohnende Investition, um längerfristige Unterstützungskosten zu
vermeiden 23.
So nährten gesellschaftspolitische Ursachen die Hoffnung vieler, die sich an der ge-
scheiterten Revolution beteiligten, in Amerika neu zu beginnen. Die Auswanderungswelle,
die auch unsere Region erfasste, bahnte sich ihren Weg ins verheißungsvolle „Land der
unbegrenzten Möglichkeiten“.
Jedoch nicht nur Amerika, auch Australien war das Ziel für Menschen aus Baden und der
Pfalz mit dem Wunsch, eine neue Heimat zu finden. Die sensationellen Zeitungsberichte
von den aufsehenerregenden Goldfunden in Kalifornien 1848 und die von Australien 1851
werden für viele der entscheidende Auslöser24. Und die Auswanderer nehmen ein Gewerbe
mit in ihre neue Heimat, das ihnen – in ihren Augen – einen guten Start garantieren soll: Ihre
Erfahrungen mit dem Goldwaschen am Rhein. Vielen waren damals noch nebenberufliche
Rheingoldwäscher oder kannten diese Arbeit noch vom Sehen und Hören.
So lag es nahe, dass sich ein Teil dieser Auswanderer am kalifornischen Goldrausch
beteiligte, aber auch an den weiteren Entdeckungen der großen Goldvorkommen in den
Staaten – bis hin zum Alaska-Goldrush am Klondike 1896. Der Traum von Gold gefüllten
Waschpfannen und prallen Nuggetbeuteln erfüllte sich jedoch nur für ganz wenige.
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Abb. 6: Klondike-Nuggets (Bildbreite 6 cm)
Ein besonders tragisches Schicksal verbindet Johann August Sutter25 mit unserer badischen
Heimat, dem Jahr 1848 und dem kalifornischen Goldrausch. 1803 in Kandern am
Schwarzwaldrand, geboren, musste der spätere Schweizer Verleger wegen einer
Konkursverhängung aus Aarau in die Neue Welt flüchten. Dort baute er sich zwischen 1835
und 1845 ein Imperium auf, wurde Gouverneur und General der kalifornischen Miliz. Auf
seinem Grund und Boden wird beim Bau einer Sägemühle im Februar 1848 im
Wasserzulauf das Gold-Nugget von James Marshall gefunden, das den „Californian
Goldrush“ auslöst. Sutters Ländereien werden innerhalb von wenigen Wochen von den
Goldsuchern verwüstet, die Gebäude zerstört, seine Herden abgeschlachtet – Johann
August Sutter, bis zum Januar 1848 noch Milliardär, verliert alles und stirbt 1880 in
Washington. Sein abenteuerliches und tragisches Leben hat immer wieder Journalisten,
Regisseure und Schriftsteller wie z. B. Luis Trenker in seinem „ Kaiser von Kalifornien“ zu
neuen Werken angeregt.
Dagegen zeichnet Friedrich Gerstäcker26 in seinen Reiseberichten das Leben der einfachen
deutschen Auswanderer und Goldsucher auf. Gerstäcker war im Jahr 1848 Zugführer der
Leipziger Scharfschützenkompanie, einer revolutionären Bürgergarde, und schließt sich
nach dem Scheitern der Revolution der Auswanderungswelle nach Amerika an.
Mit dem Jahr 1848 verbinden wir aber nicht nur den alles auslösenden Goldfund auf dem
Boden von Johann August Sutter, nicht nur mit der Auswanderung vieler badischer und
pfälzischer Bürger in die USA und nach Australien, sondern auch mit dem „letzten Akt“ der
Rheingoldwäscherei:
9
Durch die enormen Goldfunde in Kalifornien stürzt der Weltmarktpreis für Gold ins „Boden–
lose“: Die schon immer nur im Grammbereich arbeitenden Goldwäscher am Rhein sehen in
ihrem Gewerbe keinen lohnenden Verdienst mehr – zumal auch noch das Löschpapier
erfunden wurde und somit der eigentliche Gewinnfaktor ihrer Arbeit, der Verkauf von
Löschsand an die Kanzleien und Schreibstuben – völlig wegfiel.
Abb. 7: Große Rheingold-Flitterchen (bis 4 mm)
aus dem südlichen Oberrhein
Weitere Gründe für das langsame, aber sichere Verblassen der Goldwäschertradition sind
in der Tullaschen Rheinkorrektion (1817/76) zu finden, welche die periodischen Über-
schwemmungen stoppt und damit auch die jährlich immer wieder neue Anreicherung der
goldführenden Sedimente. Vor allem aber der soziale Wandel im Verlauf der Industriellen
Revolution verändert die Erwerbsstrukturen grundlegend. Aber auch der Bau des
Rheinseitenkanals in den Jahren 1928/32 trägt nun zum völligen Abgehen der Gold-
wäscherei bei.
Im Zuge der nationalsozialistischen Autarkie-Bemühungen des Dritten Reiches werden in
den Jahren 1939 – 43 erstmals Versuche unternommen, mit technisch neuzeitlichen Metho-
den eine wirtschaftliche Gewinnung des Rheingoldes mit Hilfe eines Schwimmbaggers27 zu
versuchen. Der Bagger, den man sinnigerweise auf den Namen „Rheingold“ taufte,
vermochte in der Stunde 120 Kubikmeter Kies zu fördern.
Er war 1938 bei der Schiffs- und Maschinenbau AG in Mannheim gebaut worden und soll
damals – ausgestattet mit einem 490 PS-Dieselmotor – der größte Bagger Europas gewesen
sein. Alle Versuche führten zu keinem Erfolg. Die Ausbeute – bis 1943 sollen 300 Gramm
Gold angefallen sein – war zu gering. Erst wenn sie zehnmal so groß gewesen wäre, hätte
sich der Einsatz des Baggers gelohnt. Göring, zu diesem Zeitpunkt Reichsmarschall im
Dritten Reich, ließ sich aus einem Teil des so gewonnenen Rheingoldes einen dreißig
Gramm schweren „Nibelungenring“ schmieden, der jedoch verschollen ist28.
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Abb. 8: Schwimmbagger „Rheingold“
Auf Grund der mangelnden Ausbeute wurde 1943 der Versuch aufgegeben und der
Schwimmbagger „Rheingold“ förderte nur noch Kies. 1950 hob man die Konzession auf.
Heute zeugt nur noch der von Freizeitseglern benutzte „Goldkanal“ von diesem ersten und
gleichzeitig letzten Versuch, das Rheingold großmaschinell zu gewinnen.
Auf Grund dieser Erfahrung legen jetzt auch die letzten nebenberuflichen Golder zwischen
1940 und 1944 ihre Goldergeräte für immer zur Seite. Die berufliche Rheingold-Wäscherei
geht binnen weniger Jahre völlig ab und bald gerät das seit über 2000 Jahren ausgeübte
Gewerbe in völlige Vergessenheit.
Dabei fertigten schon die Kelten aus Rheingold neben Kultgegenständen auch die sog.
„Regenbogenschüsselchen“, die Vorläufer unserer Geldmünzen. Und auch die Alemannen
setzten Rheingold bei der Herstellung von Schmuck ein.
In der neuzeitlichen Verwendung fertigte man aus dem Rheingold überwiegend Münzen und
Medaillen29 an mit Prägeinschriften wie „Aurum rheni“– „Ex sabulis Rheni“ – „Aus Rheinsand“
sowie weltliche und sakrale Kunstobjekte wie Monstranzen, Obstschalen, Edelstein-
fassungen, Uhrgehäuse – die jedoch nach den zwei Weltkriegen mehrheitlich verschollen
sind bzw. eingeschmolzen wurden.
Was noch für jedermann zu sehen und wirklich einen Besuch wert ist, ist im Landes-
museum Karlsruhe ausgestellt: Das einzigartige Toiletten-Prunk-Service30 der badischen
Großherzogin Stefanie von Baden, einer Adoptivtochter Napoleons. Insgesamt 19 Teile
dieser Luxus-Garnitur bestehen aus massivem Rheingold und benötigten somit die
Gesamtausbeute von zwei Jahren mühsamer Wascharbeit hunderter armer Fischer und
Bauern, die mit diesem kargen Nebenerwerb ihr kärgliches Dasein aufbesserten! Was man
nach dem ersten begeisterten Anblick der edlen Gerätschaften jedoch nicht vergessen
sollte.
Das Rheingold war auch die wichtigste Quelle für die Prägung von Flussgold-Münzen31:
Von den 82 verschiedenen deutschen Flussgoldmünzen (vor der Wiedervereinigung) waren
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